«WIR BRINGEN LICHT IN DIE DUNKELHEIT»

In dieser Reportage richten wir den Blick ins rumänische Siebenbürgen, wo HEKS seit vielen Jahren die ungarisch-reformierte Kirche beim Auf- und Ausbau eines Spitex-Dienstes nach schweizerischem Vorbild unterstützt. Dieses Angebot ist für die alten Menschen in den ländlichen Regionen Transsilvaniens gerade in Zeiten der COVID-19-Pandemie wichtiger denn je.

Cluj, oder zu Deutsch Klausenburg, zählt als zweitgrösste Stadt Rumäniens rund 330 000 Einwohner und ist die inoffizielle Hauptstadt der Region Transsilvanien. Die Umgebung der Stadt ist durch Berge und ausgedehnte Wälder geprägt. Begegnungen mit Bären und Wölfen gehören zum Alltag der Menschen in den kleinen, weit verstreut liegenden Dörfern der Region. In manchen dieser abgelegenen Ortschaften ohne staatliche Infrastrukturen und Dienstleistungen scheint die Zeit vor Jahrzehnten, wenn nicht sogar am Ende des vorletzten Jahrhunderts stehen geblieben zu sein. Die meisten Menschen, denen wir in diesen Dörfern begegnen, sind weit über 65 Jahre alt. Die jüngere Generation ist entweder in die grossen Städte, noch häufiger aber nach Westeuropa abgewandert – in der Hoffnung auf ein besseres Leben mit höheren Löhnen, mehr Wohlstand und Komfort. 

Ältere Menschen sind auf sich alleine gestellt

Nach der Öffnung des westeuropäischen Arbeitsmarktes auch für die Länder Osteruropas haben in den letzten 15 Jahren zwischen vier und fünf Millionen RumänInnen im Alter zwischen 19 und 65 Jahren ihre Heimat verlassen. Zurückgeblieben auf dem Land sind die älteren Menschen – oft einsam, ihrer familiären Kontakte beraubt und mit gesundheitlichen Problemen kämpfend oder sogar schwer krank. 

Häufig sind die Einzigen, die sich um diese betagten Menschen und ihre angeschlagene Gesundheit kümmern, die Pflegefachkräfte der Spitex-Dienste der «Diakonia». Diese Stiftung wurde von der ungarisch-reformierten Kirche Siebenbürgens mit Hilfe von HEKS 2001 gegründet und hat zum Ziel, die spitalexterne medizinische und psychosoziale Versorgung und Betreuung insbesondere älterer Menschen in der Region Transsilvanien sicherzustellen – eigentlich eine staatliche Aufgabe, die aber vor allem in den ländlichen Gebieten der Stiftung «Diakonia» überlassen bleibt.

In den abgelegenen Dörfern Siebenbürgens besucht kaum je ein Arzt die pflegebedürftigen Menschen. Deshalb übernehmen die Spitex-Teams der «Diakonia» deren Aufgaben.

COVID-19-Schutzmassnahmen 

Eine dieser Pflegefachfrauen der «Diakonia» ist Tünde Gizella Ferenczi. Wir treffen die Leiterin des Spitex-Dienstes der «Diakonia» in Cluj im Stützpunkt-Büro im Stadtzentrum. Dort bespricht sie mit ihrem Team gerade den Zeitplan für die an diesem Tag anstehenden PatientInnenbesuche. Alle anwesenden Mitglieder des Teams tragen während der Sitzung eine Schutzmaske. Und auch später beim Besuch der PatientInnen tragen alle PflegerInnen stets Schutzmasken, Handschuhe und einen Schutzanzug. Die ihnen anvertrauten PatientInnen, aber auch sich selbst vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus zu schützen, hat höchste Priorität. 

Dumitru Naghi ist 86 Jahre alt und lebt in einem Plattenbau aus den 1950er-Jahren. Er leidet an Diabetes.

Wenn das Spital zum Problem wird 

Mit sichtlichem Stolz stellt uns Tünde ihr Team vor, zu dem auch der 32-jährige Pfleger Csaba Prózsa gehört. Er arbeitet seit sechs Jahren für den Spitex-Dienst der «Diakonia». Mit ihm und Tünde geht es wenig später mit dem Auto zum ersten Patienten. Dumitru Naghi ist 86 Jahre alt und lebt unweit des Spitex-Stützpunktes in einem tristen, grauen Plattenbau aus den 1950er-Jahren. 

Während Csaba sich in der winzigen, mit zahlreichen Ikonenbildern an den Wänden geschmückten Stube um die Wundversorgung des Patienten kümmert, lädt uns seine 80-jährige Frau in die kleine Küche ein und beginnt zu erzählen: Seit 60 Jahren seien sie und ihr Mann nun verheiratet. «Wir sind zwar arm und leben bescheiden, aber wir hatten immer eine gute, schöne Ehe.» Ihr Mann sei nach der Heirat zunächst Primarlehrer gewesen, habe später aber in einer Fabrik arbeiten müssen, wo er schädlichen Stoffen ausgesetzt gewesen sei. «Darum ist er heute auch so krank», erzählt seine Frau. Dazu habe er sich bei einem Sturz kürzlich den Oberschenkel gebrochen. «Im Spital wurde die Wundheilung aber völlig vernachlässigt. Zudem leidet er unter Diabetes und es droht ihm deswegen eine Beinamputation», berichtet sie weiter. Tünde nickt und meint: «Es kommt häufig vor, dass hier jemand wegen eines Problems ins Spital muss – und nach einigen Tagen mit einem anderen, nicht weniger gravierenden Problem wieder entlassen wird.» Wir verabschieden uns, denn die Zeit drängt, die nächste Patientin wartet. Auch sie ist bereits weit über 70 Jahre alt und lebt mit ihrer vierköpfigen Familie in einer nur spärlich möblierten und ärmlichen Dreizimmerwohnung. Auch diese Patientin leidet unter einer schlechten Wundheilung nach einem Spitalaufenthalt. Auch das sei typisch für rumänische Spitäler, meint Tünde dazu. «Dort kümmert man sich nach einer Operation kaum um die Wundbehandlung und die weitere Genesung der PatientInnen.»

Die Ärzte hatten sie schon aufgegeben

Eine weitere Patientin, die wir mit Tünde und Csaba an diesem Morgen besuchen, die 77-jährige Klara Bosbici, wurde einige Wochen zuvor aus dem Spital entlassen. Durch ein Missgeschick beim Kochen – ein Topf mit heisser Suppe war ihr vom Herd gefallen – hatte sie sich schwerste Verbrennungen am ganzen Körper zugezogen. «Die Ärzte hatten mich schon aufgegeben und mich zum Sterben nach Hause geschickt», erinnert sie sich. Doch Klara Bosbici kämpfte sich dank der aufopfernden und kompetenten Pflege von Tünde und ihrem Team ins Leben zurück. «Ich bin den Spitex-Diensten der ‹Diakonia› so unendlich dankbar», sagt sie mit Tränen in den Augen. «Dank ihnen bin ich wieder fast gesund. Die Narben bleiben zwar, aber ich habe meine Lebensfreude wiedergefunden.» Und sie erzählt, dass sie vor ihrem Unfall viel gereist sei – Italien, Griechenland und Marokko. Und sie schwärmt von Korfu, Florenz, Rom und der Amalfi-Küste. «Wissen Sie, dank Menschen wie Tünde und Csaba kann ich vielleicht doch noch einmal an die Côte d’Azur reisen. Das wäre so schön.»

Nach einem anstrengenden Tag mit zahlreichen Patientenbesuchen findet Tünde Ferenczi zuhause einen Moment Zeit für  sich selbst.

Viel mehr als nur Pflege

In der kleinen Ortschaft Bontida, etwa 30 Kilometer ausserhalb von Cluj, sind Tünde und ihre KollegInnen oft die einzigen Menschen, mit denen die BewohnerInnen regelmässig Kontakt haben. Und deshalb geht die Arbeit von Tünde und ihrem Team weit über die medizinisch-pflegerische Grundversorgung hinaus. SIe sind auch ZuhörerInnen, RatgeberInnen und TrösterInnen für Menschen, die ansonsten kaum noch soziale Kontakte haben. 

Tünde erklärt die Aufgabe ihres Teams so: «Wir sind oft wie Kerzen, die dorthin Licht bringen, wo sonst Dunkelheit herrscht.» Auf der Rückfahrt nach Cluj will ich von Tünde wissen, woher sie die Motivation nimmt, sich auch nach 22 Jahren als  Spitex-Pflegefachfrau immer noch buchstäblich mit Leib und Seele um die Leiden, Sorgen und Nöte nicht nur ihrer PatientInnen, sondern auch um jene ihres Teams zu kümmern – und dies, obwohl sie zum Beispiel in einem Spital deutlich mehr verdienen könnte und auch immer wieder entsprechende Angebote hatte. Aus ihren Worten spüre ich: Hier spricht eine Frau, die ihre Kraft aus einem tief empfundenen Glauben schöpft. Sie selber sagt dazu: «Als Christin ist es mir wichtig, zu wissen, wo mein Platz und was meine Bestimmung ist.» Schon oft sei sie gefragt worden, warum sie denn nicht Ärztin geworden sei: «Für mich wäre das nichts – ich bin lieber eine gute Krankenschwester als eine schlechte Ärztin.»

Tünde Ferenczi und ihre Kolleginnen Anna-Maria Enyedi (rechts) übernehmen nicht nur die Krankenpflege, oft sind sie für ihre betagten PatientInnen auch in geduldige Zuhörerinnen und Ratgeberinnen.

Die Stiftung Diakonia

Die Stiftung «Diakonia» wurde 2001 von der ungarisch-reformierten Kirche In Siebenbürgen ins Leben gerufen, dies unter anderem mit dem Auftrag, einen professionellen und Kosten effizienten Hauspflegedienst für die Region Transsilvanien aufzubauen. Aus bescheidenen Anfängen mit einem Koordinator und zwei Pflegefachfrauen hat sich in den letzten knapp 20 Jahren auch mit fachlicher und finanzieller Unterstützung von HEKS ein Spitex-Dienst nach schweizerischem Vorbild mit 9 Stützpunkten in ganz Transsilvanien und rund 120 Mitarbeitenden entwickelt. Spitex-Dienste der «Diakonia» gibt es mittlerweile in über 200 Ortschaften. Geleitet wird die Koordinationsstelle der «Diakonia» in Cluj (deutsch: Klausenburg) von Dr. Lajos Hegedüs, einem Arzt und ehemaligen Politiker.

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