Wir glauben an Menschen
«Ich liebe es, mit Menschen zu arbeiten»
Olena Horshkova gehört zu den rund 68'000 Menschen aus der Ukraine, die seit 2022 in der Schweiz Schutz gesucht haben. Nach ihrer Flucht hat sie sich mit ihren drei Kindern in Basel ein neues Leben aufgebaut. Heute unterstützt sie als Praktikantin bei HEKS Ukrainer:innen beim Einstieg in den Arbeitsmarkt.
Olena Horshkova gehört zu den rund 68'000 Menschen aus der Ukraine, die seit 2022 in der Schweiz Schutz gesucht haben. Nach ihrer Flucht hat sie sich mit ihren drei Kindern in Basel ein neues Leben aufgebaut. Heute unterstützt sie als Praktikantin bei HEKS Ukrainer:innen beim Einstieg in den Arbeitsmarkt.
Ein weisser Hintergrund, Studioleuchten, ein Stativ: Alles ist bereit. «Den Kopf etwas nach links. Ja, schau mich an. Super!» Das Foto ist im Kasten, die Frau vor der Linse lächelt.
Der Raum in der HEKS Geschäftsstelle beider Basel füllt sich mit Menschen. Einige scheinen sich bereits zu kennen und unterhalten sich auf Ukrainisch. «Heute machen wir zuerst Fotos für den Lebenslauf. Danach sprechen wir über Wege aus der Sozialhilfe», erklärt Olena Horshkova den Ankommenden. Vor dem eingerichteten Fotostudio bildet sich eine Schlange. Da der Fotograf Muharrem Öner kein Ukrainisch spricht, übersetzt Olena Horshkova seine Anweisungen: «Etwas nach rechts. Den Körper gerade halten. Die linke Schulter nach unten.»
Von der Unternehmerin zur Vermittlerin
Als Unternehmerin hatte Olena Horshkova in Donezk einst drei Läden für Schuhe und Kleidung. 2014 flüchtete sie mit ihren drei Kindern aus dem Osten der Ukraine nach Obuchiw in der Nähe von Kiew. «Ich hatte lange Angst, in ein anderes Land mit einer fremden Sprache zu gehen», erinnert sie sich. Doch als der Krieg 2022 eskalierte, verliess sie die Ukraine und gelangte schliesslich in die Schweiz. Über eine Online-Plattform fand sie eine Gastfamilie in Basel, die ihr und ihren Kindern half, in der Schweiz Fuss zu fassen. «Deutsch war am Anfang sehr schwierig für mich. Ich lernte jeden Tag mehrere Stunden, hörte Podcasts und schaute YouTube-Videos.» Daneben engagierte sie sich freiwillig in verschiedenen Projekten.
Momentan macht Olena Horshkova ein Praktikum bei HEKS. «Ich liebe es, mit Menschen zu arbeiten», sagt sie. Das sieht man: Sie gestikuliert, macht Posen hinter der Kamera und zeigt einer Frau, wie sie sich drehen soll. Die Ukrainerin lacht und Olena Horshkova ist begeistert. «Lach nochmal!» Zufrieden überprüft sie das Bild.
Erste Schritte zur Arbeitsstelle
19 Ukrainerinnen und 2 Ukrainer nehmen an diesem Nachmittag an der Veranstaltung von «ArbeitCo Baselland» teil. Neben diesen regelmässigen Informationsveranstaltungen bieten interkulturelle Vermittler:innen im Rahmen des Projekts auch persönliche Beratungen und Standortgespräche für Geflüchtete mit Status S an. Ziel ist es, den Geflüchteten den Einstieg in den Schweizer Arbeitsmarkt zu erleichtern. «Viele Ukrainer:innen haben grosse Erwartungen für ihr Arbeitsleben in der Schweiz. Diese werden oft enttäuscht, weil viele Abschlüsse und Diplome nicht anerkannt werden», erklärt Olena Horshkova, während die nächste Person vor die Kamera tritt. Die Ukrainerin wirkt nervös, zieht die Schultern hoch, ihr Lächeln ist angespannt. Olena Horshkova spricht mit ihr, berührt ihren Arm. Die Frau entspannt sich, fühlt sich sichtlich wohler.
«Der Andrang bei unseren Informationsveranstaltungen ist sehr gross», erzählt Projektleiterin Jenya Lavicka. «Es kommen jeweils bis zu 50 Personen.» Als alle Ukrainer:innen ihr Foto gemacht haben, stellt sich Fotograf Muharrem Öner vor die Kamera. «Du bist zu gross», sagt Olena Horshkova lachend, während sie das Stativ höherstellt.
«Wer versteht Ukrainer:innen in der Schweiz besser als Menschen mit derselben Geschichte? So viele liebe Menschen haben mir geholfen. Ich möchte etwas zurückgeben.»
Zukunftspläne trotz Unsicherheit
Olena Horshkova befindet sich wie alle Geflüchteten aus der Ukraine in einer widersprüchlichen Situation. Der Status S ist auf Rückkehr ausgelegt (siehe auch Seite 9), gleichzeitig wird von den Geflüchteten erwartet, dass sie möglichst rasch eine Stelle finden – unabhängig davon, ob diese zu ihnen passt und ohne die Sicherheit, dass sie auch langfristig in der Schweiz bleiben dürfen. Viele müssen in dieser Situation eine Stelle annehmen, die nicht ihren Qualifikationen entspricht. «Eine passende Stelle macht nicht nur die Person selbst glücklich», sagt Olena Horshkova. «Die Wirtschaft profitiert auch, wenn jemand seine Arbeit gerne macht.»
Trotz der Unsicherheit verfolgt sie klare Ziele. 2025 bildet sie sich bei HEKS zur interkulturellen Vermittlerin weiter. «Ich bin selbst Geflüchtete und verstehe Ukrainer:innen in der Schweiz gut, weil ich die gleiche Geschichte habe.» Sie plant, weitere Sprachen zu lernen, um mit noch mehr Menschen sprechen zu können. Langfristig strebt sie eine Ausbildung zur Sozialbegleiterin oder Migrationsfachfrau an. «Ich will nützlich sein. So viele liebe Menschen haben mir geholfen. Jetzt möchte ich etwas zurückgeben.»
Text: Miriam Mathis
Foto: Ruth Erdt, Stefan Bohrer